Vibe Coding vs. klassische Entwicklung: Was Entscheider wissen müssen
Vibe Coding und klassische Softwareentwicklung sind keine Konkurrenten. Aber zu wissen, wann man welchen Ansatz wählt, spart Zeit und Geld.

Ich begleite Unternehmen beim Einsatz von KI. Seit Vibe Coding ein Begriff geworden ist, fragt mich fast jeder Gesprächspartner: "Können wir das auch nutzen?" Die ehrliche Antwort ist: Ja, wahrscheinlich. Aber nicht so, wie Sie es sich vielleicht vorstellen.
Hier sind Erfahrungen aus echten Projekten, keine Hochglanzberichte.
Interne Werkzeuge sind der stärkste Anwendungsfall, den ich in mittelständischen Unternehmen gesehen habe. Gemeint sind kleine, klar begrenzte Anwendungen, die ein konkretes Problem des Teams lösen.
Ein Logistikunternehmen wollte eingehende Lieferavise automatisch verarbeiten: E-Mails lesen, relevante Felder extrahieren, in eine interne Liste eintragen und eine Slack-Nachricht schicken. Das System, für das sie vorher einen halben Tag manuelle Arbeit pro Woche aufgewendet hatten, war mit Vibe Coding in einem Nachmittag fertig. Nicht perfekt, aber brauchbar. Die Feinanpassungen haben nochmal zwei Stunden gekostet.
Ein Marketingteam in einem Handelsunternehmen wollte aus Produktbeschreibungen eines Lieferanten schnell eigene Texte in der Unternehmenssprache erzeugen. Wir haben eine einfache Web-App gebaut: Produktbeschreibung rein, angepasster Text raus. Keine aufwändige Integration, keine Datenbankanbindung. Drei Stunden Arbeit, täglich im Einsatz.
Ähnliche Erfahrungen habe ich mit Vertragsanalysen gemacht: Ein Unternehmen wollte eingehende Verträge auf bestimmte Klauseln prüfen, ohne jeden Vertrag vollständig zu lesen. Das Tool, das wir dafür gebaut haben, ist kein Rechtsberater und ersetzt keinen Anwalt. Aber es sortiert vor, hebt relevante Stellen hervor und spart dem Team erheblich Zeit.
Ich sage das direkt: Es gibt Fälle, in denen Vibe Coding mehr Probleme geschaffen hat als gelöst.
Das passiert meistens, wenn der Scope nicht klar ist. Ein Unternehmen wollte mit Vibe Coding ein System bauen, das ihren gesamten Angebotsprozess automatisiert: Anfrage annehmen, Produkte auswählen, Preise berechnen, Angebot erstellen, versenden. Das klingt nach einem klar abgegrenzten Prozess. Ist es aber nicht. Dahinter stecken Ausnahmen, Rabattregeln, unterschiedliche Produktkategorien, manuelle Überprüfungen und Genehmigungsprozesse. Das KI-System hat einen Prototypen gebaut, der 80 Prozent der Fälle abdeckte. Die restlichen 20 Prozent haben so viel Aufwand verursacht, dass es günstiger gewesen wäre, die Entwicklung klassisch zu beauftragen.
Das zweite Problem: Wenn niemand im Unternehmen versteht, was gebaut wurde, kann niemand es pflegen. Vibe Coding erzeugt Code, den man auch warten muss. Wer das nicht einplant, baut sich ein System, das nach sechs Monaten anfängt, Probleme zu machen, und dann niemand mehr anfassen will.
Sie brauchen keine Entwickler. Sie brauchen aber jemanden, der technisch genug ist, um den Output zu beurteilen und kleine Anpassungen vorzunehmen. Das kann ein Mitarbeiter aus der IT-Abteilung sein, ein technisch affiner Kollege aus dem Fachbereich oder ein externer Berater für die erste Phase.
Sie brauchen außerdem einen klaren Scope. Die Frage, die ich immer stelle: Was genau soll das System können, und was nicht? Wenn die Antwort mehr als zwei Sätze braucht, ist der Scope wahrscheinlich zu groß für einen ersten Schritt.
Und Sie brauchen die Bereitschaft, mit einem Prototypen zu starten, der nicht perfekt ist. Vibe Coding erzeugt schnell etwas Funktionierendes. Aber das Funktionierendes von Anfang ist selten das, was nach drei Monaten Nutzung wirklich gebraucht wird. Das ist normal, kein Problem. Das Problem entsteht, wenn man zu früh zu viel darauf aufbaut.
Was Vibe Coding für Mittelständler leistet: Es macht bestimmte interne Werkzeuge zugänglich, die früher zu klein für ein IT-Projekt und zu komplex für Excel waren. Es beschleunigt Prototypen. Es macht es möglich, Ideen in Stunden zu testen statt in Wochen.
Was es nicht leistet: Es ersetzt keine strukturierte Softwareentwicklung, keine IT-Strategie und kein Engineering-Team für komplexe Systeme.
Wer mit dieser Erwartung an Vibe Coding herangeht, wird in vielen Fällen echten Nutzen sehen. Wer es als Universalwerkzeug für alle Digitalprojekte betrachtet, wird enttäuscht sein.
Starten Sie mit einem Prozess, der heute komplett manuell läuft und klar begrenzt ist. Beschreiben Sie das Problem so konkret wie möglich: Was sind die Eingaben, was soll das System damit machen, was ist das Ergebnis? Nutzen Sie Claude, Cursor oder ein ähnliches Tool. Zeigen Sie das Ergebnis jemandem, der technisch denken kann, bevor Sie es produktiv einsetzen.
Und wenn Sie nicht wissen, wo Sie anfangen sollen: Das ist genau das, womit wir im Training starten.
In meinem 2-Tage-Training behandeln wir Vibe Coding als praktischen Bestandteil des KI-Werkzeugkastens. Wir identifizieren gemeinsam echte Anwendungsfälle aus Ihrem Unternehmen, bauen erste Prototypen und besprechen, was für einen produktiven Einsatz wirklich notwendig ist. Mehr Informationen finden Sie auf der Trainingsseite.
Vibe Coding und klassische Softwareentwicklung sind keine Konkurrenten. Aber zu wissen, wann man welchen Ansatz wählt, spart Zeit und Geld.
Vibe Coding ist gerade in aller Munde. Was dahinter steckt, wo es tatsächlich hilft und wo es an Grenzen stößt, erkläre ich hier aus der Praxis.
Schlechte Prompts sind der häufigste Grund, warum KI-Tools keine brauchbaren Ergebnisse liefern. Das lässt sich ändern, ohne Technikwissen.